Mrz
11
2009

Von oben nach unten Blick in gähnende Leere

Vorstadtbeton - Nichts als Gewalt!

Vorstadtbeton - Nichts als Gewalt!

Nun ist es leider mal wieder passiert: In Winnenden ist ein 17-jähriger Junge ausgerastet, lief Amok, und nahm 15 Menschen mit in den Tod.

Perverse Zeiten

Zuerst hieß es, der Amokläufer sei von einer Polizistin durch einen gezielten Schuss getötet worden. Kommt allgemein aber nicht gut - Aktuell hat er sich in guter Amokläufertradition selbst umgebracht. Und die Medien geifern um die neuesten Erkenntnisse. Sonderschaltungen – Live Berichterstattung. Die Kamera ist immer dabei.

Perverse Zeiten

Und ich höre sie schon wieder schwafeln bei Maischberger, Will, Unter den Linden oder in den Tagesthemen, die selbsternannten Medienfachmänner, die sich keine Blöße geben und unter falschen Fakten über Dinge sprechen, von denen sie keine Ahnung haben, die sie aber in diesen Zeiten wieder gut ins Rampenlicht rücken.

Perverse Zeiten

Dann werden wieder Psychoanalysen vorgenommen und wortreich erklärt, warum der Amoklauf zustande kam. Die Zeitschriften untertiteln gerne mit den wesentlichen Charakterzügen der entsprechenden Person. Aktuell ist es “Einzelgänger und Angeber”. Das kommt richtig gut in der Medienlandschaft, und bei n-tv kann man sich eine Fotostrecke anschauen, mit den “größten Massakern” – das schreiben und meinen die tatsächlich so.

Perverse Zeiten

Und nun wird mal wieder der Schuldige oder das Schuldige gesucht, und man wird fündig werden – da bin ich ganz sicher! Und die Lösung wird mal wieder übersimplifiziert geregelt werden, vermutlich waren es die bösen Computerspiele, die heute Übel allen Bösen sind, wie es früher der Rock’n Roll war. Es wird so getan, als sei der Amoklauf ein neukulturelles Problem.

Perverse Zeiten

In RTL Aktuell aalen sich dann in ihrer eigenen, jahrelang einstudierten und mit Medienpreisen belohnten Betroffenheit die Anchors, während möglichst realsitisch in einer 3D Animation der Amoklauf nachgestellt und jede Patrone einzeln behandelt wird. Waffen werden vorgestellt werden und insgesamt dem Amokläufer einer riesige Plattform geboten – die nächsten stehen schon Schlange und sehen, wie viel Aufmerksamkeit man plötzlich bekommen kann, wenn man nur abgefucked genug ist. Es wird mit monströsen, abartigen Details nicht gegeizt, die das Ereignis noch wichtiger, noch blutrünstiger, noch abartiger machen.

Perverse Zeiten

Man wird Lösungen finden, Politik wird sich wieder von Ihrer besten Seite zeigen. Dabei liegt das Problem viel tiefer. Es ist die pure Gewalt, die heute im Vorstadtbeton herrscht, die ganze Aggression staut sich auf in Stockwerken außerorts, in der Hoffnung, möglichst wenig mit zu bekommen. Und damit nichts passiert, werden Gesetze erlassen die Amoklauf verbieten und Waffenbesitz erschweren. Inetwa so, als würde der Verein deutscher Allergiker ein Verbot für Pollenflug durchsetzen.

Perverse Zeiten

Hat eigentlich die Alkopop Steuer das Problem in irgendeiner Weise entschärft? Man klopft sich auf die Schulter, immerhin ging der Konsum der Alkopops dramatisch nach unten. Dafür stehen Kinder heute mit billigstem Fusel und Eistee an Karneval am Rinnstein und mischen sich ihren Alkopop im Mund selber. Das ist auch noch günstiger als der normal besteuerte Alkopop selber.

Perverse Zeiten

Doch auch das gute Elternhaus bleibt nicht verschont und gebährt ab und an einen brauchbaren Amokläufer. Hier hört das mediale Verständnis dann ganz auf, so wie es vielen bis heute unbegreiflich war, das in den Reihen der RAF durch die Bank gebildete und wohlhabende Kinder waren. Intelligenz tötet eher als Dummheit, und Aggression ebenso. Weil es Fesseln sind, die wir uns in einer endbeschleunigten Zeit selbst auferlegt haben, für die der Mensch physiologisch gar nicht gemacht ist, die wir aber durchziehen müssen, um etwas zu sein in der Welt.

Perverse Zeiten

Und so ist die Schule pure Gewalt, die genommene Kindheit ist nichts als Gewalt, das Streben nach Wohlstand und insbesondere die vergessene Vermittlung, dass Leistung dem eigenen Weltbild gut tut, nicht dem Elternhaus, ist nichts als Gewalt. Das Fernsehen zeigt nichts als Gewalt mit Germanys next Topmodel. Mit dem Wissen welcher Song sich wo wie oft verkaufte gewinnt man heute bei Jauch 1 Mio Euro, während in den Suppenküchen nichts als Gewalt herrscht. Wir fressen, kotzen, arbeiten und beschleunigen uns um den Verstand. Es wird uns auf Dauer nicht gut tun, wer schneller läuft als er seine Beine bewegen kann, wird hinfallen. Vielleicht sollte man anfangen den Menschen ernst zu nehmen, bevor er ernst macht! Jungfrauen bekommen keine Kinder!

Filed under: Architektur so um 19:35Uhr | Comments (12)

12 Kommentare »

  1. Kommentar by Detlef Kornath - 11. März 2009 um 21:01Uhr

    Hallo!

    Auch mir, leider trotz allem, scheinbar immer noch eine Bedürfnis irgendwo, irgenwie, irgendwem, irgendwas dazu sagen zu wollen/müssen. Vieles von dem was hier bereits geschrieben steht ist mir aus der Seele gesprochen und meine Betroffenheit (bis Ekel) über den ewigen “Salmon & Seiber” der “Etablierten” mir mittlerweile fast unerträglicher als die Gedanken an und über einen/den Amoklauf und die “eventuellen” Motive eines Einzelnen, im Allgemeinen !!! Welche bei sehr, sehr genauer Betrachtung und Analyse letzten Endes vielleicht ja sogar, trotz aller Brutalität und Abgründigkeit, erschreckend nachvollziehbar und nahezu, ohnmächtig logisch erscheinen könnten ?!
    Selbstverständlich absolut keine Perspektive oder ein möglicher “Diskurs” für eine “Öffentlichkeit” die sich immer noch mit der “freundlich, höflichen, sportlich engagierten” Erscheinung und dem “intakten Elternhaus” des “Täters” als “Meßlatte” für ihre “Fassungslosigkeit” zufrieden gibt…Selbst dann wenn sich in diesem Elternhaus des “angesehen, ortsansäßigen Unternehmers” ein, “völlig legales” Waffenarselnal befindet an dem sich jener Halbwüchsige Amokläufer natürlich völlig unrechtmäßig bedient hat…!
    Ich weiß mittlerweile wirklich nicht mehr was mir mehr Schmerzen bereitet, solche kranken und perversen Gedankenwindungen und stereotypen Beurteilungsmechanismen oder die Kenntnis des Amoklaufes und seiner Konsequenzen selber…

    Viele Grüße,

    D.Kornath

  2. Kommentar by Done, der Bayer - 11. März 2009 um 21:18Uhr

    Besser kann man die “Lage der Nation” nicht beschreiben.

  3. Pingback by Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden | Betrachtungsweise - So seh ich das! - 12. März 2009 um 00:27Uhr

    [...] Armin Gerhardts hat seine Meinung wunderbar dargelegt [...]

  4. Kommentar by Tetti - 12. März 2009 um 01:54Uhr

    Deinen Überlegungen ist kaum noch etwas hinzuzufügen.

  5. Kommentar by David Braun - 12. März 2009 um 04:04Uhr

    Von allem was ich zu dieser Sache gelesen habe, sind die hier geschriebenen Worte die “besten”. Schön, dass es noch Menschen gibt, die die wirklichen Probleme erkennen und diese auch verständlich zu “Papier” bringen. Schade, dass dies kaum beachtet wird.

  6. Kommentar by solomon t. - 12. März 2009 um 12:57Uhr

    Meine Hochachtung.Es wäre aber scön und gut wenn es offiziel
    geschrieben worden wäre,damit unser Politiker(schlau meier)
    etwas davon lernen.
    Es ist richtig,korrekt und klar dargestellt was z.Z.in Dt. läuft.

  7. Kommentar by Daniel - 12. März 2009 um 16:11Uhr

    Stimmt – etwas mehr Realismus täte uns gut… Dann wären Ereignisse wie der Amoklauf von Winnenden auch nicht nur eine kurze Sensation nach dem Motto “Ach, wie schrecklich!”, sondern ein Anlass, kontinuierlich über die dunklen Seiten unserer Gesellschaft (einschließlich uns selbst!) nachzudenken. Und, so komisch es klingt: Auf dieser Grundlage kann man in Familien, Schulen usw. erstaunlich viel erreichen!

  8. Kommentar by admin - 13. März 2009 um 02:30Uhr

    > damit unser Politiker(schlau meier) etwas davon lernen.

    Ich möchte mir nicht anmaßen, der Politik etwas lehren zu wollen oder gar zu können, schon gar nicht zum konkreten Fall. Zwischen Kenntnis und Handlung besteht allerdings häufig aus vielerlei Gründen eine große Diskrepanz, die man nur mit stoischer Opposition aushalten könnte.

    >Es ist richtig,korrekt und klar dargestellt was z.Z.in Dt. läuft.

    Auch hier möchte ich anmerken, dass ich keinesfalls grundsätzliche Probleme unseres Landes thematisieren wollte, ich habe lediglich meine direkten Gedanken verfasst – eine ganz persönliche Reflektion meinerseits zum heranwachsen, da auch schon zur Schulzeit mit halbwegs offenen Augen durch die Welt gestiefelt bin und mich sehr gut an den Leistungsdruck allenthalben erinnern kann, der als Belastung auferlegt wird, nicht als Chance. Fordern, nicht fördern – und ohne jede Rechtfertigung für den einzelnen, sondern für das große Ganze.

    Keinesfalls jedoch möchte ich den Artikel als Grundlösung oder gar vollständige Problemerfassung verstanden wissen, erst recht nicht auf einen konkreten Fall bezogen – er war nur der Anlass des Artikels, denn die Art und Weise wie wir Jugend heranziehen bzw. systematisch eingliedern macht mich nachdenklich.

    Auf der anderen Seite finde ich die Berichterstattung und die riesige Plattform schlicht abartig. Spiegel Online kommt in diesen Tagen mit ihren headlines nicht über “Bunte Niveau” hinaus. Ich finde auch die allenthalben geheuchelte Anteilnahme widerlich. Zig Menschen sterben jeden Tag, weil irgendein Durchgeknallter mit Sprengstoff unter der Jacke in Fußgängerzonen läuft und zündet, das juckt kein Schwein. Die Menschheit ist nunmal nicht grundgut, und jetzt trifft es halt mal Deutschland. Weniger Schicksale stehen im Irak, in Afganistan oder sonstwo aber auch nicht dahinter.

    Deshalb freut es mich, dass ich einige zum Nachdenken bringen konnte!

  9. Kommentar by Jochen Müller - 14. März 2009 um 18:01Uhr

    Je näher ein Schicksal an einem dran ist, umso mehr berührt es einen. Aber je größer auch ein Schicksal von neue Art ist (Tsunami,…), umso mehr berührt es einen auch. Und ja, auch die Art der Berichterstattung hat ihren Anteil daran. So what? Man muss den Medien immer kritisch gegenüber stehen. Aber das ist auch nicht neu.

  10. Kommentar by Sommersofort - 22. März 2009 um 22:34Uhr

    Schaue gelegentlich hier rein – schöner Blog, insbesondere die Vorliebe für Deutschpunkklassikerzitate schätze ich – die Begeisterung für Kleinstmineralstoffverbrenner weniger.
    Pikanterweise ist vor einem Monat ein Comicprojekt gestartet (und vermutlich aus gegebenem Anlaß schon wieder beerdigt), dass sich inhaltlich mit den Perversen Zeiten beschäftigt hat. Da ist Herr Nagel von der Realität eingeholt worden. Hier:
    http://www.karlnagel.de/website/action/sub/home/

  11. Kommentar by Maximillian Dornseif - 5. April 2009 um 22:46Uhr

    Wo stammt das Bild denn her? Das ist nciht das “Hochhaus am Kreuz”, oder?

  12. Kommentar by admin - 6. April 2009 um 00:31Uhr

    Das Bild ist aus Remscheid Mixsiepen. Eigentlich wollte ich damit die zu meiner Jugend, von den Eltern und größeren Brüdern, fortgeführte Rivalisierung (“scherpet de Metzer – se kuomen”) Bökerhöhe vs. Mixsiepen bzw. Angestelltensiedlung vs. Arbeitersiedlung etwas beschreiben.

    Nun hat das Bild doch einen ganz anderen Text bekommen!

    Es ist die äußerste Wohneinheit direkt an der Grenze zur Bökerhöhe und steht nördlich der Hauptschule. Mich dünkt, die bekommt dieses Jahr auch noch ne Story hier…

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