Tagesrandlagen

Zug Triebwagen im Schnee - VT 928 Bahn
Der Müngstener im Schnee

Dass die Bahn kreativ im Umgang mit der Sprache ist und Willens dessen sich im kulturellen Wortschöpfungsprozess als Avantgarde zu positionieren, davon durfte der Bergische sich auch längst schon überzeugen. Spätestens bei den wirren Geschehnissen rund um die Müngstener Brücke konnte man sich ob der Kreativität ein Bildnis machen, als die Bahn die Fahrgäste zuvorkommend als „Fleischmasse“ angegeben hat – nachdem man einräumte sie zuvor schlicht vergessen zu haben. Moment… warum fahren die Metallröhren auf den Schienen noch mal? Na egal, es ist ihnen ja schlussendlich doch noch eingefallen dass leere Züge auf Dauer auch doof sind. Jetzt wird die Müngstener Brücke am 1. April wieder gesperrt, Traditionalisten mögen schon eine würdigende Rede vorbereiten, und wieder wird so ein Wort in den Sprachgebrauch oktroyiert, welches vorher wohl selbst kaum ein Linguist je gehört hat, und welches man genau dann das erste mal lesen wird wenn man keine Chance hat zu wissen was es bedeutet, es aber vermutlich genau dann wissen müsste: Wenn man in bitterer Kälte auf einem verwaisten Bahnhof, oder, um im Bahnjargon zu bleiben, an einem Bahnhof der Kategorie 6, in der Pampa steht. Jenes Kleinod kaum urbanisierter Randlagen, wo man nix anderes machen kann als sich von Kühen mit mitleidigen Blicken verhöhnen zu lassen dass man doch wieder so blöd war und auf die Bahn vertraut hat.

Tagesrandlagen“ wird in Kürze an den Aushängen der Bahn an den Bahnhöfen rund um den RB47, also der Strecke Solingen-Remscheid-Wuppertal stehen. Es mutet ein wenig an wie Geografie- oder Topografie-Exkurs einer Wettervorhersage mit Sven Plöger kurz vor dem Tatort. Aber dass die Bahn auch nur ganz am Rande einer Randlage je irgendwas mit Wetter zu tun gehabt hätte? Doch was ist es dann? Darüber sind sich selbst der Bahn nahe stehende Insiderkreise noch uneins! Der Duden guckt auch nur verschämt auf den Boden und wühlt mit der Fußspitze verlegen im Staub. Aber wozu auch Klarheit? Kein Mensch mag Leute die im Kino an der Kasse bereits das Ende verraten. Jedenfalls verkehren ab 1. April „einzelne Busse in Tagesrandlagen“. Im Wortlaut:

In den Tagesrandlagen verkehren einzelne Busse zwischen Solingen Hbf und Remscheid-Lennep/Wuppertal-Oberbarmen.

Weiss‘ b’scheid! Sucht man nach „Tagesrandlagen“ in hiesigen Suchmaschinen kommen ein paar tausend Ergebnisse. Allen ist eins gemein: Sie haben mit der Bahn zu tun. Und eine Vielzahl der Ergebnisse lassen sich am besten über dem Überbegriff „tagesrandlagen wtf“ kategorisieren. Oder ohne Netzjargon: Was zum Geier sind Tagesrandlagen? So bietet auch Google direkt die helfende Hand und möchte Tagesrandlagen mit „Bedeutung“ und „bedeutet“ ergänzen. So kommt man blitzschnell auf die Bedeutung, dass es sich bei Tagesrandlagen um den Beginn und das Ende des Fahrplans handeln möge – um die ersten und letzten Züge eines Tages. Also eher eine Fahrplanrandlage. Ich bekam die Tagesrandlage erst letzte Woche zu spüren ohne dass ich wusste dass sie so toll heißt! Es war so gar eine Wochenrandlage! Wie es sich anfühlt wenn ein Zug mit katastrophaler Informationspolitik sonntags abends in der Pampa stehen bleibt und man mit Ach und Krach so gerade noch nach Essen, aber mit der Bahn keinen km weiter kommt, dafür hat mich die Bahn ein Gespür entwickeln lassen. So ist die Tagesrandlage für mich ein von der Bahn produziertes Hochdruckgebiet im Blutkreislauf. Ein Aufputschmittel wenn man so will. Wäre das auch geklärt…

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